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Die Pralinenmacherin Kristiane Kegelmann

Die Bilder von Kristiane Kegelmann und ihren Aktivitäten Seite entstanden – wie die meisten – zu einer Zeit, in der die Welt noch eine andere war.

Die Bilder von Kristiane Kegelmann und ihren Aktivitäten Seite entstanden – wie die meisten – zu einer Zeit, in der die Welt noch eine andere war. Zweiter Dezembersonntag 2019, Markthalle Neun, Naschmarkt. Hunderte Besucher, strahlende Kinderaugen, weihnachtliche Vorfreude. Die Crème de la crème der Berliner Süßwarenhandwerker präsentierte ihre kleinen Köstlichkeiten – die Tortenbäckerinnen Daniella Canal und Toni Konitz, die Chocolatiers Holger in‘t Veld und Christoph Wohlfahrt, die Pralinenmacherinnen Thérésa Jahn Doyle und Kristiane Kegelmann. Letztere, Inhaberin der Neuköllner PARS-Manufaktur, war es dann auch, die mit ihrer Haselnuss-Praline den Naschmarkt-Wettbewerb um die „Süße Schnecke 2019“ gewann.

„Gäbe es einen Pralinen-Michelin“, so Sternekoch und Jurychef Björn Swanson, „Kristiane Kegelmanns Kreation hätte beste Chancen auf die höchsten Weihen.“ www.parspralinen.com

Bauhaus statt Barock

Das erste Treffen mit Kristiane Kegelmann liegt gerade mal zwei Monate zurück, es kommt einem aber vor wie eine Ewigkeit. Mitte Februar, wir sind verabredet in der „Kaffeekirsche“, einer bekannten Rösterei in Kreuzberg, Ecke Böckh- und Schönleinstraße. Sie kommt pünktlich, auf die Minute. Als sie im Eingang der In-Adresse erscheint, baumlang auf flachen Absätzen, milchkaffeebrauner Mantel, schwarze Slacks, Silberschmuck, folgen ihr die Augen nicht nur der Männer. Sie ist das, was man altmodisch eine Erscheinung nennt. Eine Frau, die auffällt. Ihr Händedruck ist fester als erwartet, und sie spricht leiser als erwartet.

Reden wir über Pralinen. Reden wir über Kristiane Kegelmann. Sie bestellt einen Filterkaffee, indonesisch. Also gut. Sie ist 29, Münchnerin, aber das hört man nicht. Oder nicht mehr. Berufswünsche? Sie streicht sich durch das wild gebürstete Haar. Ein Schülerpraktikum in einer Bio-Bäckerei ihrer Heimatstadt gab den Ausschlag. Kristiane Kegelmann lernte Konditorin.

In eben jener Bio-Bäckerei. Den Lehrjahren folgten Wanderjahre. Zuerst Österreich, dann Australien, zuletzt wieder Österreich. Beim Demel am Wiener Kohlmarkt, in der einstigen K&K-Hofzuckerbäckerei, leitete sie den Dekorposten, baute Hochzeits- und Jubiläumstorten.

Barocke Prunkstücke mit verschnörkelter Ornamentik, auf denen reale oder allegorische Figuren aus Marzipan prangten. Dazu hätte eigentlich immer der Kaiserwalzer gespielt werden müssen. Kitsch as Kitsch can. Es sind eher beiläufige Sätze, in denen die Unzufriedenheit mit den Demel-Jahren anklingt. Keine Frage, eine Demelinerin wollte Kristiane Kegelmann nicht werden. Aber was dann? Ein Abendkurs in Bildhauerei wies Wege. Neue Farben, Formen und Materialien. Perspektiven. 2015 kam Kristiane Kegelmann nach Berlin. Sie absolvierte die Meisterschule, bestand die Meisterprüfung und beschloss, einen Aufbruch zu neuen Ufern zu wagen.

„Foodporn! Künstlerin Kristiane Kegelmann verbindet Kunst und Essen“. Eine Magazinüberschrift aus jener Zeit. Die folgende Beschreibung ist eine der einfacheren Art. „Eigenwillig geformte Pralinen aus Schokolade liegen auf Materialien wie Metall oder Stein. Dabei fügen sie sich so ins Gesamtbild ein, dass man sie auf den ersten Blick nicht erkennt. Wenn man sich traut sie zu kosten, folgt die nächste Überraschung, denn nicht immer ist die Füllung süß.“

Das ist die Erscheinung. Bei ihrer Interpretation versuchen sich die Autoren in sprachlichen Toe-loops. Von „multisensorischen Werken“ ist da die Rede, von der „Spannung zwischen Stabilität und Fragilität“, „von genussvoller Zerstörung“. Nicht jeder konnte sich das vorstellen, aber Kristiane Kegelmann hatte Erfolg. Die Vogue Deutschland und das Time Magazine schickten Reporter nach Berlin. Ausstellungen folgten. Dennoch entschloss sie sich, die Liaison zu lösen.

Pars Pralinen© Pujan Shakupa 001

Nicht mehr „Kunst zum Essen, sondern Essen und Kunst“, was auch impliziert, dass sie Pralinen nicht für Kunstwerke und die Pralinenmacherei bestenfalls für Kunsthandwerk hält. Dennoch ein diffiziles Metier. Beste Zutaten sind die Basis. Kuvertüren aus Litauen, der Schweiz und von Holger in’t Veld, dem Berliner Kakao-Großmeister; Sahne vom Erdhof Seewalde in Mecklenburg; Naturfarben aus Aktivkohle, Aronia oder Färberdistel; Fichtennadelspitzen, Bergamotteöl, Zedernkerne, als Aromalieferanten.

Experimente mit Roten Beten, Topinambur und anderen Gemüsesorten. Ein weites Feld. Zur geschmacklichen Exzellenz kommt das ungewöhnliche Äußere. „Ich liebe das Kantige“, sagt Kristiane Kegelmann. Formen dafür gibt es nicht von der Stange. Sie hat sich sündhaft teure Exemplare pressen lassen. Am Ende steht aufwändige Handarbeit. 99 Prozent Perfektion, ein Prozent Improvisation. Keine Kompromisse. Auch nicht bei der Verpackung. Kristiane Kegelmanns PARS-Pralinen sind Einzelstücke, Liebhaberstücke, Prachtstücke. Pralinen mit Charakter.

 

Unser dritter Treff. Die Uferhallen in Wedding. Am Drahtglasfenster einer eisernen Tür ein Schild: For Members only. Kristiane Kegelmann klärt auf. Mitglieder des Berufsverbandes Bildender Künstler können hier Werkstätten mieten. Sie ist Mitglied und Mieterin. Trägt Overall und hantiert mit schwerem Gerät. Stahl ist das Ausdrucksmittel ihrer Kunst. Und Farbe. Manche ihrer Objekte erinnern an Plastiken von Berto Lardera. Oder von Erich Hauser. Und manche kann ich mir gut im Wohnzimmer vorstellen. Dass es Kunst ist, schließt ja nicht aus, dass es auch als Deko funktioniert.

Die aktuelle Situation ist natürlich auch für mein kleines Pralinen-Label PARS Pralinen existentiell bedrohlich, weil ich den Großteil meiner Kreationen für Veranstaltungen etwa von Firmen oder Galerien gefertigt habe. Hoffnung macht mir die Solidarität, die ich erfahre. Ja, das ist eine der Tugenden dieser Tage. Ich bin derzeit dabei, meinen Online-Verkauf zu stärken. Wir alle, Gastronomen und kleine Produzenten, bauen auch auf die Unterstützung durch unsere Gäste und Kunden. PARS Pralinen kann man nach wie vor bestellen, innerhalb des Berliner Stadtgebietes liefere ich direkt aus, und der Postversand in andere Gegenden funktioniert ebenfalls weiterhin einwandfrei. Wer einen Pralinen-Gutschein für 10, 25, 50 oder 100 Euro kaufen möchte: helfen-shop.berlin/pars-pralinen/

Genuss für unterwegs – GARCON als APP

Vielen Dank. Kristiane Kegelmann.

PARS Pralinen
Schönleinstraße 6
10967 Berlin-Kreuzberg
www.parspralinen.com

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