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Unkultiviert – Berliner Marktnischen

Wochenmärkte haben in Berlin eine lange Tradition. Der erste urkundlich erwähnte Markt ist der Spandauer, bereits im Stadtgründungsdokument vom 7. März 1232 wird er genannt…

Wochenmärkte haben in Berlin eine lange Tradition. Der erste urkundlich erwähnte Markt ist der Spandauer, bereits im Stadtgründungsdokument vom 7. März 1232 wird er genannt. Im benachbarten Berlin sind der Molkenmarkt und der 1728 von Friedrich Wilhelm I. per Kabinettsbeschluss geschaffene Gendarmenmarkt die wichtigsten öffentlichen Verkaufsplätze für Butter, Eier, Honig, Käse, Korn und Wolle.

Deren Zahl stieg mit der Zeit zunehmend, so gab es 1882 innerhalb der Stadtgrenzen 19 Wochenmärkte mit rund 10.500 Marktständen, die jedoch mit dem Bau der Markthallen wieder verschwanden. 1952, die meisten Markthallen waren zerstört, forderte der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter: „Vor’s Rathaus gehört ein Markt!“

Er meinte das Rathaus Schöneberg und beendete mit seinem Machtwort eine jahrelange Diskussion um den wichtigsten Wochenmarkt Berlins. Heute gibt es wieder rund 120 Wochenmärkte in Berlin – nicht nur vor Rathäusern – die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. Unter der Rubrik „Marktnischen“ stellt Garcon Händler vor, deren Offerten auch eine weite Anreise wert sind.

Nein, eine typische Markthändlerin ist Simone Böcker nun wirklich nicht. Die Fertigkeit, mit sicherem Blick mögliche Kunden aus- und mit banalen Sprüchen anzumachen, fehlt ihr völlig. Ihre Stärke ist die Erklärung.

Wenn sie zum Beispiel über den fermentierten Bärlauch der englischen forager-Company, den Sauerampfer-Lavendel-Gelee von Liz Knight aus Wales, Großbritanniens wildem Westen oder den eingelegten Königinnenknoblauch aus dem italienischen Trentino und andere Wildpflanzen-Verarbeitungen spricht, würde das auch im Botanikseminar eines höheren Semesters durchgehen, so geschliffen klingen ihre Texte.

Daraufhin angesprochen, erwidert Simone Böcker fast entschuldigend: „Ich möchte mit Fakten überzeugen, nicht mit Entertainment-Blabla, falls man damit überhaupt überzeugen kann.“

Möglicherweise könnte Simone Böcker auch anders, denn das Geld für Miete und Mittagessen verdient sie immerhin in einer Werbeagentur, aber das nur am Rande. Die 45-Jährige stammt aus Düsseldorf und fand erst auf einem Umweg zum „Wild Food“, wie sie ihre Offerte auf dem Ökomarkt am Kollwitzplatz nennt.

Der begann mit dem Studium an der Uni Bremen – Kulturwissenschaften und Romanistik – führte über eine zehnjährige öffentlich-rechtliche Rundfunkkorrespondententätigkeit in Sofia und Belgrad und endete in Italien. Hier schrieb sie sich an der Università degli Studi di Scienze Gastronomiche im piemontesischen Pollenzo für einen Masterstudiengang der Gastronomischen Wissenschaften ein.

Während eines Praktikums bei den englischen Wildkräuterpionieren von forager kam sie auf den Geschmack. Dementsprechend das Thema ihrer Abschlussarbeit: Untersuchungen zum Potenzial von Wildkräutern in der Gastronomie.

„So bin ich beim vielleicht ökologischsten aller Lebensmittel, die es gibt, gelandet“, sagt sie am Ende unseres Gesprächs, „bei den Wildpflanzen.“ 2015 gründete Simone Böcker in Berlin eine Firma, die sie – nomen est omen – „unkultiviert“ nannte. „Unter diesem Namen vertreibe ich Produkte aus Wildpflanzen, weil sie mich in jeder Hinsicht so unglaublich begeistern“, schreibt sie auf ihrer Website, „im Geschmack, in der Qualität, wegen der unmittelbaren Beziehung zwischen Mensch und Natur.“

Da sind die englischen forager-Spezialitäten, von denen bereits die Rede war, wobei natürlich auch Simone Böcker nicht weiß, wie es damit weitergeht, wenn die Never-ending-Brexit-Story irgendwann dann doch mal endet. Betroffen davon wären auch verschiedene Algenprodukte, die sie von der Cornish Seaweed Company bezieht, einer Manufaktur, die an einem einsamen Küstenstreifen Cornwalls zu Hause ist.

Wird es am Ende des Jahres deren Cornish Superfood in Berlin noch geben? Simone Böcker zuckt mit den Schultern, was soll die Jungunternehmerin auch sonst in dieser Situation tun als abwarten, Zeitung lesen und Tee trinken? Zum Glück hat sie auch skandinavische und italienische Lieferanten im Boot – Helsinki Wildfoods und Primitivizia Spiazzo.

Das Unternehmen in der finnischen Hauptstadt vermarktet getrocknete und gemahlene Waldbeeren. „Eine Delikatesse in Pulverform“, so Simone Böcker, „weil sie den puren nordischen Geschmack in Joghurts, Müslis oder Smoothies bringt.“ Ihre italienische Partnerin heißt Eleonora Cunaccia, die in Borzago zu Hause ist, einem Ort westlich von Trento. Sie sammelt in der Bergwelt ihrer Heimat Kräuter, Früchte und Zapfen und verarbeitet sie nach traditionellen Rezepten. Übrigens: Simone Böcker, geprüfte Kräuterpädagogin, bietet auch Workshops und Kräuterwanderungen an.

 

Unkultiviert

Ökomarkt auf dem Kollwitzplatz

jeden Donnerstag, 12.00 – 19.00 Uhr

10405 Berlin-Prenzlauer Berg

www.unkultiviert.com

 

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