Eine Stadt voller kulinarischer Vielfalt
Der alte lateinische Spruch „Variatio delectat“, den schon Cicero verwendete, trifft auch auf die Gastronomie in Prag zu. Die tschechische Hauptstadt begeistert Einheimische ebenso wie Besucher mit einer erstaunlichen kulinarischen Vielfalt. Neben international ausgezeichneten Gourmetrestaurants existieren urige Kneipen, traditionsreiche Biergärten, stilvolle Bars, gemütliche Kaffeehäuser und Restaurants, die das typische Prag-Feeling auf ihre eigene Weise interpretieren. Auch mehrere Streetfood-Märkte prägen inzwischen das gastronomische Leben im Nordosten der Stadt. Ähnlich wie in Berlin wird die Szene stark von einer jungen Generation kreativer Köche geprägt, die neue Ideen und internationale Einflüsse in die Küche einbringen. Doch wer gezielt nach klassischer böhmischer Küche sucht, stellt schnell fest, dass diese nicht immer leicht zu finden ist.
Die Sehnsucht nach traditionellen Gerichten wie Bier- oder Hirnsuppe, Lenden- und Rostbraten, Knödeln in verschiedenen Varianten oder den berühmten böhmischen Mehlspeisen führt oft auf eine kulinarische Spurensuche durch die Stadt. Sie erinnert ein wenig an den Versuch, in Berlin konsequent nach einer perfekt zubereiteten Rinderroulade zu fahnden.
Das legendäre Brauhaus U Fleků

Wenn Touristen in Prag nach traditioneller böhmischer Küche fragen, fällt häufig eine bestimmte Adresse: Křemencova 11. Dort befindet sich das berühmte Brauhaus U Fleků, eines der ältesten gastronomischen Etablissements der Stadt. Das Haus wurde bereits 1499 gegründet und liegt in einer kleinen Gasse nahe des Karlsplatzes hinter dem Neustädter Rathaus. Zum Komplex gehören ein großes Bierlokal, ein weitläufiger Biergarten mit insgesamt rund 1.200 Plätzen, ein Brauereimuseum sowie eine Kabarettbühne. Ein markantes Merkmal des zweistöckigen Gebäudes ist eine große Uhr an der Fassade. Der Prager Schriftsteller und Journalist Egon Erwin Kisch beschrieb sie einst ironisch: Statt Ziffern stehen die Buchstaben des Namens rund um das Zifferblatt, selbstverständlich in Frakturschrift, „denn das ist national“. Der Text entstand 1933 und spiegelte auf satirische Weise den politischen Zeitgeist jener Jahre wider.
Bier, Musik und Touristen aus aller Welt

Heute ist das U Fleků täglich geöffnet und zieht bereits am Vormittag Besucher aus aller Welt an. In den holzgetäfelten Räumen wird vor allem eine Spezialität ausgeschenkt: ein dunkles Lagerbier, das aus vier Sorten Gerstenmalz gebraut wird. Am Nachmittag sorgen Live-Musiker mit Akkordeon und Gesang für Stimmung. Die Musiker wechseln mühelos zwischen verschiedenen Sprachen, um das internationale Publikum zu unterhalten. Deutsche Gäste hören dabei oft den Klassiker „Bier ist die Seele vom Klavier“. Das kulinarische Angebot kann mit dieser Atmosphäre jedoch nicht immer mithalten. Zwar stehen auf der mehrsprachigen Speisekarte einige böhmische Klassiker wie Gulasch mit Speckknödeln, doch bei unserem Besuch wirkten die Gerichte eher routiniert als liebevoll zubereitet. Die Küche scheint hier vor allem auf große Besucherzahlen ausgerichtet zu sein.
Tradition mit Anspruch im Brauhaus St. Norbert

Deutlich anspruchsvoller präsentiert sich die Küche im Brauhaus St. Norbert auf der Prager Kleinseite. Das Restaurant liegt in unmittelbarer Nähe der Prager Burg innerhalb des historischen Areals des Prämonstratenserklosters Strahov, das zu den bedeutendsten Baudenkmälern Tschechiens zählt. Besonders beeindruckend sind die Bibliothekssäle des Klosters, die im 17. und 18. Jahrhundert entstanden. Ihre kunstvollen Deckenmalereien und die Sammlung von rund 140.000 historischen Büchern und Handschriften machen sie zu einem kulturellen Schatz. Zu den wertvollsten Stücken gehört das Strahover Evangelienbuch aus dem Jahr 860. Die Klosterbrauerei selbst wurde Anfang des 17. Jahrhunderts gegründet. Während der kommunistischen Herrschaft wurde das Kloster 1950 geschlossen und erst nach dem politischen Wandel in den 1990er-Jahren wieder an den Prämonstratenserorden zurückgegeben. Die restaurierten Brauereigebäude wurden 1994 an den Prager Braumeister Aleš Kocvera verpachtet, dessen Familie das Brauhaus bis heute betreibt.
Moderne Braukunst mit Tradition
Heute führt Marek Kocvera den Betrieb und verbindet Tradition mit moderner Braukunst. In der Brauerei entstehen acht bis zehn verschiedene Biersorten, darunter ein Amber Lager, ein Pale Ale aus ausschließlich tschechischen Zutaten sowie experimentelle Kreationen wie Smoked Sour oder Coconut Session NEIPA. Besonders beliebt bei den Gästen ist das Sv. Norbert Amber Lager, ein hefetrübes, untergäriges Bier mit 5,3 Prozent Alkohol. Kenner schätzen seine kräftigen Malz- und Getreidearomen, die herbe Hopfennote sowie die cremige Textur. Die Speisekarte des Restaurants ist bewusst übersichtlich gehalten. Gastgeber Marek Kocvera beschreibt die Philosophie der Küche schlicht: Die Gerichte begleiten das Bier – nicht umgekehrt.
Klassische Gerichte mit handwerklicher Qualität

Diese Haltung zeigt sich auch auf dem Teller. Anders als in vielen touristischen Lokalen werden traditionelle Gerichte hier mit großer Sorgfalt zubereitet. Ein gelungenes Beispiel sind gebackene Karpfenstücke, die mit hausgemachtem Meerrettichdip und Krautsalat serviert werden. Danach folgen butterzarte Schweinerippchen, deren intensives Aroma vermutlich aus einer langen Biermarinade stammt. Ein weiterer Klassiker ist der „Nakládaný Hermelín“, ein dem Camembert ähnlicher Weichkäse, der gegrillt und mit Zwiebelmarmelade serviert wird. Seine würzige Cremigkeit harmoniert hervorragend mit den kräftigen Bieren der Brauerei.
Spaziergang durch die historische Altstadt
Kein Besuch in Prag wäre vollständig ohne einen Spaziergang über die Karlsbrücke. Das rund 500 Meter lange gotische Bauwerk mit seinen zahlreichen Statuen gehört zu den bekanntesten Wahrzeichen der Stadt. Straßenmusiker, Puppenspieler, Porträtzeichner und Souvenirhändler sorgen hier für eine lebendige Atmosphäre. Vom Altstädter Brückenturm aus führt ein kurzer Weg durch die historische Altstadt vorbei an berühmten Sehenswürdigkeiten wie dem Altstädter Ring, dem Rathaus mit seiner astronomischen Uhr, dem Pulverturm und dem prachtvollen Jugendstilgebäude des Repräsentationshauses.
Die Bar PULT – moderne Bierkultur in Prag

Unweit des Platzes der Republik liegt schließlich die kleine Straße V Celnici. Hinter einer unscheinbaren Tür befindet sich die Bar PULT, ein Geheimtipp für moderne Prager Bierkultur. Der Raum ist lang und schmal, die Atmosphäre entspannt. Auch hier spielt Bier die Hauptrolle, was kaum überrascht. Tschechien gilt als europäische Biernation Nummer eins. Statistisch gesehen trinkt jeder Tscheche rund 130 Liter Bier pro Jahr. Restaurantleiterin Eliška Kendová präsentiert die Auswahl auf einer großen Leuchttafel. Sechs lokale Fassbiere werden frisch gezapft, dazu kommen mehrere Spezialbiere sowie internationale Sorten aus kleinen Flaschen.
Tschechische Tapas statt schwerer Hausmannskost

Für die Speisen verantwortlich ist Küchenchef Jiří Horák. Seine Idee war es, zum Bier kleine Gerichte zu servieren, die eher an Tapas erinnern als an die traditionelle böhmische Küche. Viele dieser Häppchen werden in kleinen Gläsern oder auf Schieferplatten präsentiert. Eingelegtes Gemüse wie Gurken, Rettich, Tomaten oder Zucchini gehört ebenso dazu wie verschiedene Wurst- und Schinkenspezialitäten. Auffällig ist jedoch, dass die sonst in Prag verbreiteten schweren Fleischgerichte hier kaum eine Rolle spielen. Horák erklärt, dass die Gäste vor allem aus jüngeren Generationen stammen, die abends lieber leichtere Speisen zum Bier genießen. Mit diesen sogenannten tschechischen Tapas war das PULT einst ein Pionier der Szene. Inzwischen haben viele junge Lokale in Vierteln wie Holešovice oder Karlín das Konzept übernommen.
Tradition neu interpretiert
Ganz ohne Tradition kommt auch das PULT nicht aus. Ein Beispiel ist der sogenannte Bierkäse „Pivní sýr“. Der aromatische Käse aus Kuhmilch erinnert geschmacklich an den bayerischen Weißlacker. Er wird in Bier eingelegt und anschließend mit saurer Gurke und Zwiebelringen serviert – eine einfache, aber sehr charakteristische Spezialität.

Prag als kulinarisches Reiseziel
Am Ende bleibt festzuhalten, dass Prag auch aus kulinarischer Sicht eine Reise wert ist. Die Stadt bietet eine beeindruckende Vielfalt an Restaurants und gastronomischen Konzepten. Während Spitzenrestaurants moderne Gourmetküche präsentieren und viele Lokale internationale Trends aufgreifen, wird die traditionelle böhmische Küche zunehmend seltener. Wer sie sucht, muss manchmal etwas länger suchen – findet dafür aber umso spannendere Orte, an denen Tradition und Gegenwart aufeinandertreffen.

