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Cell – Kulinarische Kreativität

Et voilà, der neunte Gang ist serviert. In die Gesichter von Evgeny Vikentev und Simon Dienemann (auf unserem Foto v. re.) zog Entspannung. Die schien sich in einen Zustand tiefer Zufriedenheit zu steigern, als der Küchenchef des neuen Uhlandstraßenrestaurants Cell seinem General flüsterte, dass er sich wohl des Erfolgs sicher sein könne.

Et voilà, der neunte Gang ist serviert. In die Gesichter von Evgeny Vikentev und Simon Dienemann zog Entspannung. Die schien sich in einen Zustand tiefer Zufriedenheit zu steigern, als der Küchenchef des neuen Uhlandstraßenrestaurants Cell seinem General flüsterte, dass er sich wohl des Erfolgs sicher sein könne.

Der 22. November 2018 war ein wichtiger Tag für die beiden Köche und ihre Crew. Vikentev und Dienemann hatten die Creme der hauptstädtischen Restaurantkritiker zum Menü geladen. Die meisten der fürs Kulinarische zuständigen Edelfedern waren der Einladung gefolgt und – Küchenchef Dienemann sollte Recht behalten – sorgten in den Tagen darauf für einige Aufmerksamkeit.

Thomas Platt beispielsweise vermutete „an diesem noch jungen Ort bereits eine Routine der Virtuosität“ und Nikolas Rechenberg sprach sogar schon vom „neuen Highlight im Berliner Westen“.

 

 

Gut vier Monate sind seit jenem Testessen der Berliner Gastrokritiker-Elite inzwischen vergangen. Ich war in dieser Zeit zwei Mal zu Gast im Cell und sage: für mich eine der interessantesten Restauranteröffnungen des letzten Jahres in Berlin. Ehrlicherweise muss ich allerdings auch anmerken, dass nicht alle meine Freunde diese Meinung teilen – aber so ist das nun mal.

Je mehr Essen und Trinken zum Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens werden, desto mehr kann man darüber uneins sein. Wobei natürlich längst nicht mehr diskutiert wird, ob die Jakobsmuschel da oder dort besser war, nein, inzwischen werden kulinarische Metaebenen thematisiert und Megatrends debattiert. Im Fall des Cell sage ich nur:

Ich mag dieses Restaurant. Und dafür nenne ich drei Gründe: Erstens wegen seines Ambientes. Sicher hat der Umbau der ehemaligen Dreigut-Räumlichkeiten eine Stange Geld gekostet, aber dafür kann sich das Ergebnis – eine Mischung aus Zeitmaschine und Flaggschiff – wirklich sehen lassen.

 

 

Außerdem stammen hier die Bänke und Sessel mal nicht vom Flohmarkt oder sind dermaßen nüchtern und funktionell, dass man permanent an den nächsten Termin beim Orthopäden denkt.

Zweitens wegen der Damen und Herren der Servicebrigade mit dem welterfahrenen Manager Peter Izarik und dem nicht minder weitgereisten Sommelier Pascal Kunert an der Spitze, die ihren Job zwar eher leger angehen, dennoch aber den Gast unauffällig immer im Blick haben.

Man wird sozusagen von Gang zu Gang getragen, und das hat Stil.

 

 

Und drittens, weil das von Küchenchef Simon Dienemann und seiner Brigade Servierte zwar durchaus in die Kategorie „jugendliche Kühnheit“ passt, sich aber nicht in schockierenden Kreationen äußert, sondern in intensiven Aromen und kreativen Arrangements.

Ja, das Cell ist tatsächlich ein Kandidat für die Sterne-Liga.

 

 

Cell-Inhaber Evgeny Vikentev ist Russe, das hört man seinem Englisch zwar nicht an, aber der Mann stammt tatsächlich aus St. Petersburg.

Das ist dann wohl auch der Grund dafür, weshalb er zu Beginn des Menüs eine russisch-deutsche Geschichte erzählt.

Serviert wird ein Alblinsencracker, eigentlich eine simple Sache, aber diese alte Linsensorte würde es heute nicht mehr geben, wenn nicht eine Professorin der Wawilow-Saatgutbank in Vikentevs Heimatstadt die wertvollen Originalsamen bewahrt und sie 2007 den Bauern von der Schwäbischen Alb zurückgegeben hätte.

Nach dem Bildungsausflug in die kulinarische Historie wird es zunehmend moderner, der kreative Ehrgeiz eines höchst ambitionierten Teams von Gericht zu Gericht spürbarer.

 

 

Höhepunkte für mich waren im Winter-Menü (das inzwischen gewechselt hat) eine Gillardeau-Auster, der mit Buchweizenkoji, Sanddorngel, Spirulinamayonnaise und Austernkresse zwar ziemlich viel zugemutet wurde, die aber dadurch auch herzhaft würzig und anregend wirkte;

ein Steckrübeneintopf mit gebeiztem Saibling, Meerrettich und Lardo, der mit Steckrübendashi komplettiert wurde und vor Umami nur so strotzte und ein exzellenter Hirschrücken mit Kürbis, Palmkohl, Mandelpüree und Mandarinensauce.

Die Säureunterstützung und die Abwesenheit von fetten Bindemitteln machten aus diesem normalerweise eher schweren Teller einen ungemein frischen Gang. Ziemlich off-mainstream schließlich auch das Dessert:

Steinpilz-Tiramisu mit marinierten Mirabellen. Grandios!

 

 

CELL

Uhlandstraße 172

10719 Berlin-Charlottenburg

Tel. 030 — 50 96 67 78

cell.restaurant

 

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